Briefentwurf:
Warum die Honorardozenten das neue Sprachkurskonzept ablehnen
Oktober 2002, Kiel





Lehrkräfte im Fachbereich »Deutsch als Fremdsprache« der Volkshochschule Kiel


Frau/Herr XY
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
Berlin

Frau/Herr AB
Landeshaus Kiel


Anmerkungen zur neuen Sprachkurskonzeption

Sehr geehrte .....

Mit Erstaunen haben wir festgestellt, dass das neue Sprachkurskonzept erstellt wird, ohne diejenigen zu befragen, die seit Jahren vielfältige Unterrichtserfahrungen mit allen Migrantengruppen gesammelt haben – die Lehrkräfte für »Deutsch als Fremdsprache«. Die starre Festlegung der Gesamtstundenzahl von 600 Stunden widerspricht unseren Erfahrungen mit lernerfahrenen Teilnehmern, die bei uns in der VHS Kiel je nach individueller Befähigung die Zertifikatsprüfung schneller erreichen und somit ein differenziertes Angebot brauchen.

Die Erfahrungen mit lernunerfahrenen Teilnehmern zeigen aber auch, dass für sie dringend Kurse mit abgestufter Lernprogression eingerichtet werden müssen und dass für viele ein Erreichen der Prüfungsstufe A2 nach 600 Stunden völlig illusorisch ist. Für einige Teilnehmer ist eine Verlängerung des Kurses daher unerlässlich. Die Kursdauer müsste also viel flexibler gestaltet werden als jetzt geplant. Bleibt man bei dem jetzigen Entwurf, plant man an den Bedürfnissen der Teilnehmer vorbei.

Die Ergebnisse der Erprobungsphase in diesem Jahr haben uns gezeigt, dass die Gelder nicht bedarfsgerecht eingesetzt worden sind und dass eine zu hohe Zahl an Lernunerfahrenen nach 600 Stunden die Sprachkurse »abgeschlossen« haben ohne auch nur im Geringsten befähigt zu sein, sich in der deutschen Umgebung sprachlich zurecht zu finden – wie es als Minimalziel für das neue Konzept vorgesehen ist. Hier wäre es außerdem dringend notwendig, die Arbeitsbedingungen für die Lehrkräfte so zu gestalten, dass diejenigen, die entsprechende Unterrichtserfahrungen mit Migranten aus den unterschiedlichen Sprachräumen haben und deren spezifische Lernschwierigkeiten kennen, für diese Kurse gewonnen werden können. Leider sieht die Realität anders aus: Viele erfahrene Kollegen müssen jetzt schon aus wirtschaftlichen Gründen ihre Mitarbeit in den »Deutsch-als-Fremdsprache-Kursen« der VHS beenden und sich lukrativere Angebote suchen.

Und damit kommen wir zu unserem zweiten großen Kritikpunkt: Er betrifft die finanzielle Grundlage des künftigen Sprachförderungsprogramms. Es sind vom BAMF pro Teilnehmer / pro Stunde 2,05 ¤ vorgesehen. Dieser viel zu niedrig angesetzte Betrag hat für uns Lehrkräfte zur Folge, dass wir weiterhin zu den schlechten Arbeitsbedingungen arbeiten müssen, gegen die wir seit längerem in unserer VHS und in der Diskussion mit den politisch Verantwortlichen in unserer Stadt protestieren. Es bedeutet für uns, dass wir weiterhin mit einem Honorar von 17,90¤ pro Unterrichtsstunde abgespeist werden. Dies wird unweigerlich zu einer hohen Fluktuation führen und zu einem immensen Qualitätsverlust: Bei einer derart schlechten Bezahlung werden keine gut ausgebildeten, in der Erwachsenenbildung erfahrenen Lehrkräfte mehr den Unterricht durchführen, sondern »Hilfskräfte« wie z. B. Studenten.

Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass es das politische Ziel ist, auf dem Papier ein Konzept mit einer hohen Anzahl von Kursen und einer hohen Anzahl von Teilnehmern präsentieren zu können, dass aber die Qualität des Unterrichts und das Niveau des erreichten Zieles nebensächlich ist – ganz zu schweigen von den Arbeitsbedingungen der Unterrichtenden. Man kann unseres Erachtens nicht in zahlreichen Pressemeldungen auf die Wichtigkeit der Integrationskurse hinweisen und gleichzeitig ein Konzept erstellen, das die Unterrichtenden z.T. an den Rand der Sozialhilfe-Bedürftigkeit bringt.

Unser Status als selbstständige Lehrkräfte führt zu einer hohen Sozialabgabenlast: So bleiben einem Kollegen, der wöchentlich ...Ustd. erteilt von seinem Brutto-Honorar von .... ¤ nach Abzug von Sozialabgaben und Steuern lediglich......, bei einer Unterrichtsleistung von ... Std. nur .... ¤. Ein fest angestellter Kollege im öffentlichen Schuldienst verdient fast das Dreifache bei gleicher Stundenzahl! Diese Ungleichbehandlung und »Ausbeutung« zementieren Sie mit der finanziellen Konzeption des neuen Sprachkursmodells. Wir bitten Sie daher mit allem Nachdruck, dies zu bedenken und eine Verbesserung unserer Arbeitsbedingungen möglich zu machen.




Diesen Entwurf hat uns Magret Schramm-Klostermann zugeleitet. Vielen Dank!