
»Wir lehren, wir lehren
«
Aktionstag der Honorarlehrkräfte an der VHS Kiel
am 18. Januar 2003 in der Kieler Innenstadt
![]() |
Um gegen Sozial-Mißstände anzugehen, unter denen die Dozenten der Volkshochschule (nicht nur in Kiel) teilweise seit Jahren und Jahrzehnten leiden, haben Honorarlehrkräfte am 18. Januar 2003 in der Kieler Innenstadt einen Informationsstand aufgebaut und Passanten darüber informiert, wie verantwortungslos die Stadt Kiel mit dem wichtigen Bildungsgut und ihren Honorarlehrkräften umgeht. Den untenstehenden Flyer hatten wir, mit freundlicher Unterstützung durch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), drucken lassen und am Samstag morgen dann unters Volk gebracht. Viele Kieler konnten gar nicht glauben, daß wir Honorarlehrkräfte von unserem sogenannten Kultur-Dezernenten, Herrn Rethage, im Regen stehen gelassen werden, daß die Stadt Kiel keinen Anteil an den Sozialabgaben für ihre Lehrkräften an den Volkhshochschulen beiträgt, kranken Dozenten kein Krankengeld zahlt, Müttern und werdenden Müttern weder Mutterschutz gewährt noch Geld zahlt, von bezahltem Urlaub und Weihnachtsgeld ganz zu schweigen. |
|
Seit 1989, also seit nunmehr 13 bis 14 Jahren, hat die Stadt Kiel den Stundenlohn für Honorarlehrkräfte nicht mehr erhöht. Parallel sind Lebenhaltungskosten, Sozialbeiträge, Krankenversicherung etc. unaufhörlich gestiegen. Das alles müssen die Honorarlehrer von ihrem mageren Stundenlohn von nicht einmal 18, Euro pro Unterrichtseinheit bezahlen. Die Folge: Unser Realeinkommen ist seit 13 Jahren kontinuierlich gesunken, während die Gehälter der übrigen Stadtbediensteten seit 13 Jahren unaufhörlich gestiegen sind. Viele Dozenten kehren jetzt der Volkshochschule den Rücken, weil sie von dem geringen Entgeld nicht mehr leben, geschweige denn ihre Kinder ernähren können. Die Lehrkräfte gelten der Bundesversicherungsanstalt, wenn sie mehr als 400, Euro verdienen (und das sollte man wohl, wenn man vom Geld, leben möchte), als voll sozialversicherungspflichtig. Aber die Stadt als ihr Brötchengeber bezahlt keinen Cent dazu. So verkommt der Kulturträger Volkshochschule immer rasanter zum Schmalspuranbieter von marktgängigen Kursen wie Englisch und EDV. Das kulturelle Blickfeld verengt sich, und dazu haben wir einen Kultur-Dezernten, der in den Kieler Nachrichten mit den Worten charakterisiert wird: » Kultur ist seine Sache nicht«. |
![]() |
Kurz: die Zustände sind skandalös. Dara, daß die Verarmung (Behörden-Slang: »Verschlankung«) des Kulturauftrages der Volkshochschulen politisch gewollt ist und die Verarmung der Dozenten dabei als unumgänglich hingenommen wird, daran besteht kein Zweifel. Es herrscht derzeit die Tendenz vor, Volkshochschulen der Aufgabe des Vermittelns von Inhalten zu berauben und diese Institutionen statt dessen zu bloßen Vermittlern von Weiterbildungsangeboten zu degradieren. Bürger, die sich weiterbilden wollen, finden etwa in Köln keine Lehrkräfte mehr vor, sondern nur noch Büros, die ihnen eine private Schule vermitteln, deren Qualität nicht kontrolliert wird, und die nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten arbeiten und dabei das Soziale ausklammern muß. Musische Angebote im Bereich Kunst etwa bleiben auf der Strecke, sie bringen ja in der Gesellschaft kein objektiv zählbares Geld. Die Ideologie des Sparens an Stellen, an denen dringen Investitionen geboten sind, greift nun von der Bundespolitik auf die Kommunalpolitik über, wo jobhungrige Kommunalpolitiker sich gern als brutalstmögliche Sanierer darstellen wollen, um später in der Wirtschaft einen lukrativen Job zu erheischen.
![]() |
Die VHS-Dozenten in Kiel sind nun erstmalig auf die Straße gegangen, um den Bürgern zu erklären, warum sie sich vermutlich nicht mehr lange aus einer Vielzahl von Kursen aussuchen können, was sie gerne lernen möchten. Wir haben unsere Flyer verteilt und versucht, die Kieler zum Stehenbleiben, Zuhören, Diskutieren und Unterschreiben zu gewinnen, um uns zu unterstützen. Die Kieler Nachrichten machten Fotos, der offene Kanal Kiel wird vermutlich am Donnerstag, 23. Januar 2003 um 18 Uhr einen 15minütigen Beitrag über unsere Aktion senden. Wir haben etwa 2.500 Kieler angesprochen und in den viereinhalb Stunden etwa 600 zu einer Unterschrift für unsere Sache gewinnen können. Kein Wunder, sind doch 10 Prozent der Kieler Bevölkerung jetzt oder früher einmal Kunden der VHS (gewesen). Passanten erzählten begeistert, daß sie an der VHS Saxophon, Englisch und andere Dinge gelernt hätten, wie ihnen Dozenten, auch privat, sehr geholfen hätten Andere konnten gar nicht glauben, daß die derzeitigen Kommunalpolitiker ihre Honorardozenten derartig schlecht behandeln und schüttelten noch beim Unterschreiben empört den Kopf. Wer nicht unterschrieb, nahm zumindest meist unser Infoblatt mit: |

Der Tag war ein Erfolg für die Sache der Honorardozenten, die Kieler zeigten sich solidarisch. Ein etwas bitterrer Nachgeschmack bleibt nur, wenn man bedenkt, daß von den 430 im Vorfeld angeschriebenen Dozenten am Stand nur etwa 10 auftauchten, was wohl bedeutet, daß es den meisten Lehrkräften schlicht am Allerwertesten vorbeigeht, wie sie von der Stadt behandelt werden.